Vorgeblicher Bombenanschlag in Bluewater eine Guerilla-PR Aktion

13. September 2009

Mit etwas zeitlichem Abstand sieht man die Dinge klarer: Was war letzte Woche passiert? Am 10. September 2009, einen Tag vor dem Jahrestag des größten Terroranschlags, den die Welt je erleben musste, ging ein angebliches Bombenattentat auf ein Restaurant im kalifornischen Bluewater durch die Medien.  “TV: Anschlag in kalifornischer Kleinstadt”, meldete die Nachrichtenagentur dpa um 9.38 Uhr und berief sich auf den Bericht eines “örtlichen Fernsehsenders”. Es habe in einem Restaurant zwei Explosionen gegeben, die Polizei sei im Einsatz und habe das Restaurant evakuiert. “Die Täter wurden von dem Sender als arabisch-stämmig beschrieben”, hieß es. Zahlreiche Redaktionen, so auch heute.de,  übernahmen die Nachricht.

Wenig später meldet dpa, dass es deutsche Rapper seien, die den Anschlag verübt hätten, es sei ein Scherz mit Bombenattrappen gewesen, um die Medienaufmerksamkeit auf sich zu lenken. Als nächstes meldet sich eine angebliche Berliner PR-Agentur zu Wort: “Mit Fassungslosigkeit haben wir, das Management der Berlin Boys, von deren eigenmächtig gestelltem Attentat in einem Restaurant im kalifornischen Bluewater erfahren. Hiervon möchten wir uns in aller Form distanzieren und erklären hiermit die Zusammenarbeit mit der Band mit sofortiger Wirkung für beendet. Die Vortäuschung einer Straftat ist als Werbemaßnahme inakzeptabel und entspricht in keinster Weise unserem Stil.”

Gefälschte Webseite des Ortes Bluewater mit falschen Telefonnummern der örtlichen Behörden (Bild: Guerilla-PR.com)

Gefälschte Webseite des Ortes Bluewater mit falschen Telefonnummern der örtlichen Behörden (Bild: Guerilla-PR.com)

Die Rapper, der Fernsehsender, der kalifornische Ort Bluewater und selbst die Berliner PR-Agentur waren Erfindungen der Regisseurs Jan Henrik Stahlberg, der zusammen mit der Marketingagentur Neverest mit viel gewissenhafter Arbeit die hohe Authentizität erreichte, die zur perfekten Fälschung nötig ist. Dazu wurden die Webseiten von Bluewater und vpk-tv erstellt, Filmbeiträge aufgespielt, selbst Wikipedia wurde genutzt, um dort einen Link auf die gefälschte Internetseite des Städtchens Bluewater einzurichten. “Augenzeugen” des Anschlags twitterten und Filmbeiträge wurden auf Youtube und Myspace eingestellt.

Auch diese gefälschte Webseite des TV-Senders vpk-tv kommt den Original-Seiten lokaler TV-Stationen sehr nahe (Abb: Guerilla-PR.com)

Auch diese gefälschte Webseite des TV-Senders vpk-tv kommt den Original-Seiten lokaler TV-Stationen sehr nahe (Abb: Guerilla-PR.com)

Die Webseite von Bluewater wurde mit anrufbaren Telefonnummern von vorgeblich örtlichen Polizei- und Feuerwehrstationen und dem Bürgermeister versehen, so dass Medienvertreter im vermeintlichen Ort des Terroranschlages anrufen konnten. Ans Telefon gingen natürlich gebriefte Schauspieler, selbst für eine aufgeregte, typisch amerikanische Hintergrundatmosphäre wurde gesorgt. So wurden die in der üblichen Eile arbeitenden Redaktionen reingelegt. Insgesamt ein System von sich selbst bestätigenden Fälschungen, auf die Journalisten tatsächlich reinfallen können. Wer einmal die Webseiten amerikanischer Kleinstädte gesehen hat, der wundert sich nicht über die gefälschte Website von Bluewater, denn diese seiten sehen tatsächlich so aus – und auch die Webseiten der regionalen TV-Sender und Lokalzeitungen wirken oft, als seien sie nach 1998 nicht mehr angefasst worden.

Einen genauen Überblick über den Ablauf dieses Hoax liefert Bildblog mit der Überschrift “Wie in Bluewater einmal nichts passierte” und ein Resumee mit weiteren Verlinkungen auf “Wie in Bluewater einmal nichts passierte (2)

Die auf vpk-tv gezeigten Filmauschnitte entstammen dem neuen Film von Jan Henrik Stahlberg “Shortcut to Hollywood”, der am 24. September in die Kinos kommt. Die Aktion orientiert sich direkt am Filminhalt, in dem ein Berliner Rapper-Trio in die USA reist, um berühmt zu werden. Der Film kritisiert die heutige Medienvernetzung und zeigt auf, wie Nachrichten heute gemacht und verbreitet werden können.

Die Aktion hat gezeigt, dass man bei genauer Vorbereitung heute jede Geschichte platzieren kann, aber auch, dass man garnicht so viel fälschen kann, dass nicht nach Stunden oder schon Minuten die Wahrheit ans Licht kommt. Übergeordnete Polizeistellen, die ein Journalist angerufen hatte, wussten nämlich nichts von dem Anschlag und so fiel die inszenierte Geschichte wieder in sich zusammen. Auch eine Überprüfung der Webseitenregistrierungen und der Twitter-Accounts von “Augenzeugen” entlarvte die Fälschung. Damit wird auch klar, dass es gerade die Vernetzung der Kommunikation ist, die man nicht mehr beherrschen kann.

Der Bombenanschlag in Bluewater war eine Guerilla-PR Aktion für den Film von jan Henrik Stahlberg, allerdings mit fadem Beigeschmack. Selbst wenn sie nur das Thema des Films zusammenfasste, war der Terrorbezug und die Nähe zum 11. September zu heftig.

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  1. Bluewater(skandal) : Tagesration März 31st, 2010 at 07:34

    [...] Guerilla-PR Aktion des deutschen Regisseurs Jan Henrik Stahlberg für seinen neuen Film “Shortcut to [...]

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